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Was passiert bei einem Entzug im Körper?

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  • Bernie Hauser wrote on 25.1.2014 - 11:40

    Was passiert bei einem Entzug im menschlichen Körper? Wie lange braucht der Kopf, um clean zu werden? Gibt es eine Impfung gegen Drogen? Toxikologen, Psychologen und Mediziner erklären, warum sich unser Gehirn selbst vergiftet und welche Folgen es hat, wenn wir gegen die Sucht in den Krieg ziehen.

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    Zigaretten, Kokain, Alkohol oder Crystal Meth: Warum verlangt unser Gehirn nach Stoffen, die es zerstören? Und welche Schäden richten diese Substanzen im gesamten Körper Schaden an? Ein Experten-Team erklärt: Bis heute haben Prof. Dr. Jens Reimer und Dr. Daniela Schön vom Arbeitsbereich Suchtmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf mehr als 10.000 suchtkranke Menschen behandelt. Exklusiv für Welt der Wunder haben sie erstmals einen Suchtatlas des Körpers erstellt. Wichtig dabei: Die veröffentlichten Zahlen sind Richtwerte, die sich aus Studien und den Erfahrungen der Entzugsspezialisten ergeben. Je nach Konsumverhalten können sie höher oder niedriger liegen. Auch die Entzugszeiten können je nach Persönlichkeit des Patienten abweichen.

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    Vor exakt zehn Stunden ist im Körper von Martin Kressner (Name von der Redaktion geändert) ein regelrechter Krieg ausgebrochen. Millionen Nervenzellen feuern ohne Unterbrechung, Gehirn, Muskeln und Herz befinden sich im Ausnahmezustand. Sein T-Shirt ist vom Schweiß durchnässt, das Fieberthermometer zeigt 40 Grad Celsius an. Gleichzeitig nimmt die Intensität der Halluzinationen von Minute zu Minute zu. Er sieht einen Kampfjet in seinem Wohnzimmer auf sich zurasen. Er bemerkt, wie sein Körper zu zittern beginnt. Seine Muskeln krampfen sich unkontrolliert zusammen. Die Atmung setzt aus, kurz darauf auch der Herzschlag. Der langjährige Alkoholiker stirbt, zwölf Stunden nach seinem 42. Geburtstag. Das Paradoxe: Martin Kressner kommt nicht ums Leben, weil er zu viel auf einmal getrunken hat oder seine Organe aufgrund des dauerhaften Alkoholkonsums kollabiert sind. Im Gegenteil: Er stirbt, weil er von einem Moment auf den nächsten die Alkoholzufuhr gekappt hat, sein Körper deshalb gegen ihn in den Krieg gezogen ist. Delirium tremens nennen Mediziner dieses Phänomen – eine Art tödlicher Epilepsieanfall im Verlauf eines kalten Entzugs. Aber was genau passiert überhaupt bei einem Entzug in unserem Körper? Was macht uns süchtig und warum? Und wie lange dauert es, bis sich die Organe regenerieren?

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    Brain-Hack: Warum verlangt mein Gehirn nach Gift?

    Ganz gleich, ob Alkohol, Marihuana, Kokain, Crystal Meth oder sogar Zucker, Salz und Fett: Auch wenn all diese Stoffe ganz unterschiedliche Auswirkungen auf verschiedene Körperregionen haben, so haben sie doch eines gemeinsam. Ab einer gewissen Dosis lösen sie eine erhöhte Ausschüttung von Dopamin aus, eines Botenstoffs, der das Belohnungszentrum anheizt. So konnte eine Studie belegen, dass die Dopaminausschüttung beim Essen von zucker-, salz- oder fetthaltiger Nahrung um 50 Prozent ansteigt. Doch im Vergleich zu anderen Stoffen ist dieser Anstieg moderat. Marihuana erhöht die Menge des Glücksstoff-Tsunamis um 175 Prozent, Alkohol um 200 Prozent, Kokain um 400 Prozent und Crystal Meth sogar um 1.000 Prozent. Die Auswirkungen dieses körperlichen Ausnahmezustands sind präzise nachvollziehbar: Aufgrund der erhöhten Ausschüttung sprechen mehr Nervenzellen auf die entsprechende Droge an. Und je mehr Nervenenden bereitgehalten werden, an denen die Moleküle andocken können, umso positiver wird das gute Gefühl bewertet. All die Gifte, die mit den Substanzen in unseren Körper fließen, spielen für das Gehirn dann keine Rolle mehr. Es ist längst im Selbstzerstörungsmodus. „Drogen verhalten sich ähnlich wie Trojaner. Sie hacken sich ins Gehirn und in neuronale Verbindungen, die eigentlich für ganz andere Dinge wie etwa die Nahrungsaufnahme vorgesehen sind“, sagt Prof. Dr. Jens Reimer, Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Auf diese Weise bildet sich ein sogenanntes Suchtgedächtnis. Von jetzt an gilt: Je häufiger der Konsum, desto schwerer ist es zu löschen. Versucht man es dennoch, kann dies tödlich enden.

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    Cold Turkey: Was passiert, wenn mein Gehirn auf Sofort-Entzug gesetzt wird?

    Martin Kressner musste sterben, weil er seinen Körper überschätzt hat – und eine Entgiftungsform wählte, von der mittlerweile die meisten Mediziner entschieden abraten: der kalte Entzug, auch Cold Turkey genannt. „Es ist die radikalste und riskanteste Methode, um clean zu werden“, meint der Suchtmediziner Jens Reimer vom UKE. Aber was genau macht diesen Entzug so unberechenbar – und unter gewissen Umständen sogar tödlich? „Alkohol bezeichnen wir als Dirty Drug – also als schmutzige Droge. Das liegt daran, dass Alkohol gleich mehrere verschiedene Botensysteme im Gehirn verändert“, erklärt Reimer. Kappt man den Nachschub des Alkohols von einem Moment auf den anderen, senden verschiedene Rezeptoren (u. a. die sogenannten GABA- und NMDA-Rezeptoren) unentwegt Alarmsignale aus; bei Heroin beispielsweise feuert nur eine Art von Rezeptoren.

    Dadurch gerät der Betroffene beim kalten Entzug derart unter Stress, dass am Ende sein Körper unter der Belastung zusammenbricht und das Herz-Kreislauf-System kollabiert. Grund: Alkohol hat vor allem in höherer Dosierung sedierende Wirkung. Bei chronischem Konsum ist das wie ein ständiger Druck auf das Bremspedal. Bleibt der Alkohol plötzlich weg, fehlt die Bremse, und der Körper gibt Vollgas. Das Risiko dieses Delirium tremens verringert sich erst nach Tagen, wenn die Rezeptoren sich an die Situation gewöhnt haben und ihr Botenstoff-Feuerwerk reduzieren. Suchtforscher wie Prof. Reimer empfehlen bei schwerer Alkoholabhängigkeit, aber auch bei einigen anderen schweren Drogenabhängigkeiten, daher ein schrittweises Absetzen oder eine medikamentöse Unterstützung des Entzugs, bei der die Neuronen langsam vom Alkohol bzw. von anderen Drogen entwöhnt werden. Dies gelingt mithilfe von Medikamenten, die im Entzug einen Teil der Wirkung der zu entziehenden Substanz imitieren. Sie schwächen die Entzugssymptome wie Zittern, Fieber und Muskelkrämpfe ab. Je nach Droge und Dauer der Abhängigkeit kann dies Tage oder sogar Wochen dauern. Bei manchen Patienten beginnt diese Entzugstherapie jedoch nicht erst nach jahrelanger Drogenabhängigkeit, sondern nur 24 Stunden nach dem ersten Atemzug.


     

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